Beschnitten durchs Sommerloch

(Religiöse) Freiheit endet, wo die eines Anderen beginnt oder dessen Unversehrtheit missachtet wird.

Müssen solche Floskeln anno 2012 in Mitteleuropa wirklich wiederholt werden? In der allgemeinen Aufregung um das Kölner Urteil scheint es fast so.

Und ja, die Beschneidung von kleinen Jungen, egal ob muslimisch oder jüdisch, ob 8 Tage oder 7 Jahre nach der Geburt, verletzt sowohl persönliche Freiheit als auch das Recht auf körperliche Unversehrtheit und damit Artikel 2 des deutschen Grundgesetzes.

Dass aus religiösen Gründen geschnippelt wird, ändert nichts an diesen Tatsachen. Ebensowenig die Behauptung, die man dieser Tage immer wieder zu lesen bekommt: es handele sich bei der männlichen Beschneidung um eine 4000-jährige Tradition. Auch Frauen an den Herd zu verbannen, Ungläubige mit dem Schwert zu missionieren oder Seuchen mit Gebeten zu begegnen hielt man lange Zeit für gute Ideen.

Und bitte – führt heute wirklich noch jemand das Alibi-Argument der Hygiene an? Wir baden in der Woche öfter als Menschen im Mittelalter im ganzen Monat (von 2000 v. Chr. ganz zu schweigen), unsere Kleidung ist porentief rein, und Wüstensand bläst uns auch nicht mehr in Böen unter den Lendenschurz. Nein, hier geht es um religilöse Tradition, nicht in medizinischem Sinne wohlgemeinte Vorsorge.

Wenn sich dennoch jemand, aus medizinischen oder religiösen Gründen, beschneiden lassen möchte, soll er oder sie das tun. Bewusst und aus freien Stücken – und das setzt ein gewisses Alter vorraus.

Nachtrag: Seit Tagen bereits verkünden Vertreter deutscher Muslime und Juden landauf und landab öffentlich, es werde sich kein Angehöriger Ihrer Religion an dieses Gerichtsurteil halten (wobei dies nur eine Einzelfallentscheidung ohne gesamtdeutsche Wirkung war), und man werde sich notfalls in die Illegalität flüchten. Das zeugt für mich von einem beängstigenden Verständnis von Rechtsstaat und Religion.

Mehr zum Thema: Die Beschneidung des Rechtsstaats